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In den letzten Tagen haben zwei regionale Sichtweisen auf die Ereignisse in Ägypten an Bedeutung gewonnen: Die iranische Betrachtung der ägyptischen Revolution und der Blick vom Nil in Richtung Teheran. Anlass ist vor allem eine fünfzehnminütige Rede des iranischen Staatsoberhaupts Ayatollah Ali Khamenei in arabischer Sprache zur Situation in Ägypten und die harschen Reaktionen des ägyptischen Außenministers.
Der ägyptische Zeitgeist: Nostalgie, Sehnsucht, Wut
In der an die arabische Welt gerichteten Ansprache des Ayatollahs fällt ein Aspekt auf, der von einer besonderen Interpretation des arabischen Zeitgeists im Hinblick auf die Öffentlichkeit in den arabischen Ländern und insbesondere die Demonstrationen in Ägypten zeugt. Während die meisten westlichen Kommentatoren vom ägyptischen Kampf um Demokratie und von freien Wahlen sprechen, nahm das iranische Staatsoberhaupt schon in den ersten Zeilen auf den ägyptischen Kampf um „Würde und Respekt“ Bezug und bezeichnete dabei Mubaraks „Degradierung Ägyptens“ zu einer „hilflosen und minderwertigen Figur auf dem regionalen politischen Schachbrett“ als das größtes Verbrechen des Regimes. Was wie reine Propaganda klingt, hat für den durchschnittlichen Ägypter vermutlich eine schwerwiegende Bedeutung.
Heute, im Jahr 2011 haben viele im Westen die Bedeutung der Führungsrolle, die Ägypten unter Gamal Abdel Nasser in der arabischen Welt innehatte, vergessen. Nur wenige hierzulande erinnern sich scheinbar an die Hoffnung, die die ganze arabische Welt - vom Persischen Golf bis zum Atlantik - in Nassers Ägypten gesetzt hatte. In Ägypten und in der restlichen arabischen Welt aber denkt man bisweilen noch immer mit trauriger Nostalgie an diese Jahre der Hoffnung. Vom einst großen und mächtigen Ägypten, das es gemeinsam mit Nehrus Indien und Titos Jugoslawien sogar an die Spitze der Blockfreien Bewegung und zum unangefochtenem Führer der Araber gebracht hatte, war in den Augen vieler der heute demonstrierenden Araber bis vor kurzem kürzlich nicht mehr viel übrig geblieben. Das iranische Staatsoberhaupt hat es in seiner Ansprache verstanden, dieses Selbstverständnis Ägyptens anzusprechen.
Des Ayatollahs kluger Schachzug
Der iranische Ayatollah räumte ein, dass jeder Aufstand zweifelsfrei einzigartig sei und gänzlich abhängig von den jeweiligen regionalen, historischen, politischen und kulturellen Umständen ist. Die Erwartung, dass die Islamische Revolution in Iran im Jahr 1979 auf Ägypten oder auf irgendeinen anderen Staat anzuwenden ist, bezeichnete er deshalb als verfehlt. Allerdings soll Ägypten seine „Flagge der Vorherbestimmung“ bis zum Gipfel weiter tragen, damit es „sein Haupt in den Himmel emporheben“ kann. Ebenfalls beschwor er die großen Identifikationsfiguren der modernen ägyptischen Geschichte, wie Ahmed Shawqi, Hassan al-Banna und nicht zuletzt Gamal Abdel Nasser als herausragende Persönlichkeiten des „großen Ägypten“ herauf.
Man könnte meinen, dass Khamenei den Nerv der arabischen Straße getroffen hat. Es dürfte keinen Kenner Ägyptens oder der arabischen Welt wundern, dass diese Worte bei den Demonstranten eher offene Ohren finden als die Aufrufe westlicher Staatsoberhäupter nach einem „Wandel“ - ohne aber quasi drei Sätze später eine Danksagung für die jahrzehntelange Partnerschaft, die Mubarak im Gegenzug für die militärische, geheimdienstliche und finanzielle Hilfe der USA dargeboten hat, auszusprechen.
Kamal Helbawy, einer der dienstältesten Köpfe der ägyptischen Muslimbrüderschaft, äußerte im Interview mit der BBC bereits seinen Dank an Ali Khamenei für dessen Unterstützung der ägyptischen Revolution. Dabei entgeht nicht, dass er von „Imam Khamenei“ spricht, eine Ehrbezeichnung, die selbst in Iran nicht gängig ist und die bisher nur dem verstorbenen Ayatollah Khomeini unangefochten gebührte. Helbawy drückt seine Hoffnung aus, dass Ägypten eine gute Regierung - so wie Iran - und einen guten Präsidenten - so wie Iran - haben werde. Mit Blick auf die iranischen Fortschritte in Wissenschaft und Technik wünsche er sich für Ägypten, dass das Land „wie Iran, mehr technologische und wissenschaftliche“ Fortschritte erziele und ebenso eine Regionalmacht werde.
Die entscheidende Variable: Das ägyptische Volk und seine Muslime
Spätestens hier drängt sich die Frage auf, ob Ägypten eine ähnliche politische Entwicklung wie Iran durchlaufen wird. Wie die Ägypter zu einer islam-orientierten Politik stehen, wird aus den Umfragen des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts „Pew Research Center“ deutlich:
Zwar sieht eine Mehrheit der Ägypter laut den Umfragen in der Demokratie die beste Staatsform. Weitere Befragungen desselben Instituts führen dem interessierten Leser im Westen aber deutlich vor Augen, dass die Ägypter unter Demokratie etwas anderes verstehen als in Europa . Eine deutliche Mehrheit der ägyptischen Muslime würde beispielsweise auch die Einführung der Scharia in Ägypten begrüßen. 77 Prozent der Befragten würden in der 2010 durchgeführten Studie Peitschenhiebe oder das Abhacken der Hand (für Vergehen wie Diebstahl oder Raub) befürworten. Über 80 Prozent der Befragten ägyptischen Muslime würden die Steinigung von Ehebrechern unterstützen. Die Todesstrafe für Apostasie würden sogar ganze 86 Prozent befürworten.
Beim Durchforsten der aktuellen Analysen deutscher Tageszeitungen und Magazine werden allerdings den islamisch-politischen Organisationen keine Mehrheit im Falle demokratischer Wahlen zugetraut. Es wird jedoch nicht klar, woraus sich dieser Optimismus nährt, zumal die größten Demonstrationen stets nach dem islamischen Freitagsgebet stattfinden. Rein logistisch wären außer den muslimischen Gruppen derzeit keine anderen oppositionellen Parteien in der Lage, einen Wahlkampf in Ägypten durchzuführen.
Die Herausforderung für den Westen
Für den Westen ergeben sich faktisch zwei Handlungsmöglichkeiten. Unterstützt man die Revolution - auch durch einfache Zurückhaltung und Neutralität -, besteht die Gefahr, dass durch die neu gewonnene Selbstbestimmung der Ägypter, die Ausübung westlicher Interessen gefährdet wird. Dazu muss es nicht einmal einen Wahlsieg der religiösen Parteien bedürfen.
Die andere Möglichkeit besteht darin, die Revolution aktiv zu verhindern, was unweigerlich zu einer Radikalisierung der derzeit friedlichen so genannten „Facebook-Generation“ führt. In Anbetracht der gemeinsamen Grenze zu Israel (und der dortigen Politik hinsichtlich des jetzigen Krise in Ägypten) ist es nicht auszumalen, wohin sich der Wut und die Frustration schlagen würde. Eine echte und dauerhafte Befriedung ist durch diese Alternative nicht gewährleistet und würde auch den weltweiten Kampf gegen den Terrorismus torpedieren.
Entscheidet man sich für die erste Option, so ist dagegen im weiteren Verlauf eine Entradikalisierung der religiösen Parteien möglich und mittelfristig – ähnlich wie im Irak und im Libanon – die demokratische Machtergreifung pro-westlicher Kräfte. Dass selbst das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Khamenei einen Gottesstaat in Ägypten für unmöglich hält, müsste uns im Westen zum Denken geben.